Vergängliche Verbindlichkeit in 140 Zeichen

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Über dieses eine Warum

Kinder fragen es, wenn sie eine Banane in der Hand haben. Oder Pillen schlucken sollen. Größere Kinder fragen es an jeder Ecke, wo etwas blitzt, blinkt oder bimmelt. Teenies fragen es, wenn sie Mathe lernen sollen oder ihr Zimmer aufräumen müssen. Und Erwachsene fragen es, wenn sie aufgefordert werden, Steuern nachzuzahlen. Oder wenn sich Menschen nicht mehr bei ihnen melden. Einfach so.
Nun ja, sie haben bestimmt einen Grund, doch teilen sie diesen dem Wartenden nicht mit. Nun gibt es verschiedene Menschen genauso wie es verschiedene Reaktionen auf diesen Sachverhalt gibt. Über dem Kopf des euphorischen wartenden Optimisten bildet sich langsam eine Gedankenblase. Sie wird bedrohlich groß und wächst immer weiter. Tiefschwarz ploppen die entscheidenden Buchstaben in der Blase auf. Ein W, ein A, ein R, ein U, ein M. Die Lettern blasen sich bedrohlich auf, erreichen die dünnen, blassen Wände der Blase. Doch sie platzt nicht, im Gegenteil; sie wächst trotzig weiter mit.
Ein anderer Mensch- z.B. vom Typ pragmatische Realist merkt zu dem Zeitpunkt, wenn der euphorische Idealist schon seinen 88. Tod stirbt, dass es um den einen netten Menschen stiller geworden ist.
Der armselige, tief emotionale Idealist steckt nun bereits tief im Sumpf des Grübelns fest. Mit den Resten seiner mitgenommenen, zerrissenen Seele rafft er sich auf und erstellt eine Liste. Die Überschrift natürlich geprägt von dem einen gigantischen W-Wort: Warum meldet sich XY nicht mehr? Der Inhalt letztendlich weniger von Bedeutung. Am Boden zerstört steckt der romantische, idealistische Freak eine DVD in den DVD-Player und deckt sich mit Ben & Jerry`s ein. Er schaut einen grausamen Thriller mit dem Titel „Er steht einfach nicht auf Dich“. Und er sieht Drew Barrymore. Die fatalste Komponente an dieser ganzen Historie. Er sieht eine Mischung aus Opfer und Klammeraffe in einer Person, die maßlos übertreibt und sich dabei selbst zerstört.
Der andere Mensch am anderen Ende der Stadt, der Realist, hatte tagsüber keine Zeit für das Fragen, Grübeln und Verzweifeln. Jetzt ist er mit seinem Kumpel zum Fußball gucken verabredet. Zufrieden, weil mit einem gekühlten Bier versorgt, schlendert er am DVD-Regal seines Freundes vorbei und entdeckt die Er-steht-einfach-nicht-auf-Dich-DVD. „Uähh, seit wann besitzt du solche Frauen-Filme?“ „Ach, den hat meine Freundin mitgebracht.“ Er wirft die DVD zurück ins Regal. Er murmelt ein ungläubiges „Um Gottes Willen…“, nimmt einen Schluck kaltes Bier, greift sich in den Schritt und schmeißt sich aufs Sofa.

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Liebes Berlin!

Was habe ich schon viel von dir gehört.
Du sollst diese ganzen tollen Menschen beherbergen. Hipster, die kreativ sind, einen Mac besitzen und in jungen Startup-Agenturen irgendwas mit Design und Medien machen. Ich hörte, in dir haben alle Wellen der Modetrends, der Meinung und des neuesten Seins ihre Quellen. Insgesamt war das Gehörte ein ausschweifender Lobgesang auf dich.
Nun begab ich mich also vorurteilsfrei aber doch ein wenig erwartungsvoll auf den Weg zu dir. Ich mag Menschen und wenn sie kreativ oder hip oder beides sind, habe ich nichts dagegen, sie kennenzulernen.
Ich machte Bekanntschaft mit folgenden hipen, feshen Hipstern: dem trollen Busfahrer Manfred, dem vollgepackten Currywurstverkäufer Holger und der Ökobirkenstockkinokassentante Roswitha. Alles interessante Persönlichkeiten und tief in ihren Berliner Herzen Hipster aus dem Buche. Nur der Mac in ihren Händen fehlte.
Und du, lieber Prenzlauer Berg, du bist der Place-to-be! So hörte ich es bis in mein hessisches Dorf. Mir hat‘s ja auch gefallen bei dir. Gemütliche Cafes hast du, mit dem Spiegel und der jungen Welt und mit Boy. Mit Stuck an den Wänden und bezahlbarem Kaffee. Fast wie im Wartezimmer beim Arzt, nur besser. Aus Rücksicht vor den Ökohipstern hast du noch eine Palette an Fahrradklingeln und –Hupen und eine Kollektion an Seifenblasengeräten an der Theke im Café zu bieten. Damit der Hipster von heute für einen Augenblick wieder Kind sein kann, wenn ihm danach ist.
Du kümmerst dich gut um deine junge, zukunftsträchtige Garde. Woanders wären sie wohl verloren.

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Mein Abschiedsblick

Es ist eine dumpfe Stille nach der rauschenden Feier und Zeit für den schmerzlichen Abschiedsblick. Ich möchte diese ohnmächtige Stille alleine genießen. Aber eigentlich ertrage ich sie nicht. Ich möchte nicht gehen. Ich möchte den Anblick, die Luft und den Augenblick festhalten, mit aller Kraft. Allmählich bahnen sich grausam laute Geräusche von den riesigen metallenen Armen in meinen dumpfen Kopf. Von den Maschinen und deren Bedienern, die pausenlos arbeiten, auch wenn die Partymeute sich ohnmächtig-schläfrig in die U-Bahn nach Hause quält. Ich blicke auf mein Astra und höre wie Tex klagend Where Is The Fucking Good In Goodbye singt. Ich möchte nicht weg von hier. Es gibt doch nichts Gutes im Abschied. Ich möchte wie die Kräne an diesem Ort bleiben. An dicke Bodenpfeiler gefesselt. Ich möchte diesen meinen Ort, diese meine Parkbank mit diesem meinem Blick festhalten. Für die Ewigkeit. Und immer den Kränen zuhören, wie sie die gewaltigen Container schleppen. Ich muss schmunzeln, wenn ich an das Landei Hanna denke, die sie für Baukräne hielt und sich beklagte, dass in dieser meiner Stadt so viel gebaut werde. Ich möchte erschrecken, wenn ich plötzlich riesige Frachter an mir vorbei schwimmen sehe. Ich möchte nicht wie sie ewig und rastlos treiben und nur zu Besuch sein. Ich möchte nicht ewig Sehnsucht zurück haben. Ich möchte Kräne von Gisbert zu Knyphausen hören und den Augenblick festhalten.

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Mutual Friends von Boy

Eine CD-Besprechung.
Es ist eines dieser YouTube-Phänomene der Internet-Musik-Generation. Es ist musikalischer Pop, ein Singer-Songwriter Mix aus zarten Klängen und ehrlichen Texten. Die Frauenkombo Boy begeistert die Internetgemeinde z.B. auf YouTube-immer unplugged. Auf ihrem Debütalbum „Mutual Friends“ klingen sie ganz anders.

Wenn Boy auf YouTube zu hören sind, dann schallt einem zuallererst die glassklare, warme Stimme von Sängerin Valeska Steiner entgegen. Im Hintergrund hört man ihre Gitarre und die von Bassistin Sonja Glass. Die viel geklickten Clips stammen von verschiedenen Auftritten oder sind die offiziellen Videos der ausgekoppelten Singles Little Numbers und Waitress. 2008 lernten sich die Schweizerin Steiner und die Deutsche Glass bei einem Popkurs an der Musikhochschule Hamburg kennen. Zwei Jahre später wurde die gemeinsame musikalische Zukunft mit der Gründung von Boy besiegelt. Am 2. September brachten sie ihr Debütalbum „Mutual Friends“ heraus. Darauf gibt es 12 Songs und nicht nur die Stimmen der Beiden und ihre Gitarren, sondern auch ganz viel Arrangements.

Auf YouTube erfreut sich die Clip-Reihe eines TV-Noir Konzerts großer Klickbereitschaft. Diese wurde 2010 im Rahmen der jährlich stattfindenden Verleihung der TV Noir Rakete aufgezeichnet. Ein Merkmal der TV Noir Sendungen ist, dass die Sendungen in schwarz-weiß ausgestrahlt werden. Sie sind im Internet und auf ZDF.Kultur zu sehen. Ein weiteres Merkmal ist die akustische Darbietung der Songs. Und das ist wohl auch ein Grund, warum die Songs vom besagten Konzert teilweise 300.000-mal angeschaut wurden. Boy haben nur zwei Gitarren und ihre Stimmen auf der Bühne. Und das reicht und klingt herrlich leicht, manchmal melancholisch, aber auch fröhlich.

Beim Lied Drive Darling schmiegt sich Sängerin Valeska stimmlich an ihr Mikrofon und überbringt so die emotionale Nachricht des Textes dem Publikum. In diesem Lied geht es um den Umzug der Schweizerin in ihre neue deutsche Heimat, wo Boy ihren Arbeitsmittelpunkt haben. Ganz anders klingt dieser melancholisch-traurige Song auf der CD „Mutual Friends“. Das Tempo wurde viel zu sehr angezogen und es hört sich an, als würde Valeska den Text voll von Wehmut und Trennungsschmerz langweilig herunter singen. Außerdem wird sie von Keyboardtönen buchstäblich bombardiert, was den Track unruhig wirken lässt. Hört man sich Lied 12, den Titel July unplugged auf YouTube an, gerät man ins sehnsüchtige Schwärmen, da Valeska die richtige Lautstärke, die beiden das richtige Tempo und die richtigen Worten für die ruhige, dankbare Musik finden. Auf der Platte ist das anders. Das Lied dümpelt instrumental in Überlänge vor sich hin und scheint um das 10-fache langsamer zu sein, was den Zuhörer eher ungeduldig werden lässt.

Die erste richtig große Tour im Herbst 2011 war auch noch teilweise unplugged, da die Newcomer noch nicht genug Geld hatten, um von einer kompletten Instrumentalband begleitet zu werden. Aber das werde sich in den nächsten Monaten ändern, so Sängerin Valeska in Interviews. Denn der Sound, der auf dem Album zu hören ist, wurde absichtlich vom Gitarrenpop weg mit Beats und elektronischen Elementen gemixt; dies sei die vollendete Version ihrer Musik, so die beiden Frauen. Diese Äußerung steht allerdings im Widerspruch zu den zahlreichen Fernseh- und Radioauftritten, bei denen die beiden keine Drums und kein Keyboard dabei haben, sondern nur ihre Gitarren und ihre Stimmen. In welche Richtung wird sich die Musik oder gar die Aufstellung der Band Boy entwickeln? Man darf gespannt sein.

Boy
Mutual Friends
Grönland Records

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Die Onliner

Sie bilden eine Sprache, eine Lebenseinstellung, eine Kultur. Sind alles andere als gleich, haben sich selbsternannt und ernennen andere, sie sind der State Of Art. Sie halten es für ihr Zeitalter, kein davor, nur das, was vor ihnen liegt. Es gehört alles ihnen. Und alles, was kommt, wird von ihnen gestaltet und von der Elite aus dem Silicon inspiriert. Das sind die Götter des Designs, der Kommunikation, der Innovation und des digitalen Kommunikationszeitalters. Die jungen Onliner sind Wischende auf deren Touchscreens und die Lebensdaten der jungen Wilden sind deren Kapital. Das Netz begleitet ihr Leben, ist in der Hosentasche dabei, übernimmt die Navigation checkt sie auf jeder Station ein. Ihr Leben ist ein Weg durch das digitale Wattenmeer, in dem sie gar nicht anders können, als ihre Fußspuren zu hinterlassen.
Und sie machen andere neugierig und ziehen sie in die Cloud mit hinein. Neulinge kommen in die Cloud, lassen sich begeistern, hangen out und schicken weitere Invites in die Welt. Und so sind immer mehr Mitglieder in der Cloud. Denn es ist fun, fancy und fabulus in der Cloud mitzuschweben. Und es ist even fancier, in der Cloud Denglisch zu sprechen. Denn sie brauchen ihre neue Sprache, sie wollen nichts Altes oder Gewöhnliches. Es sind die Alphatiere der jungen Erwachsenen, es sind individuelle Individualisten, die auf alle anderen abfärben.
Weltveränderer haben sich versammelt; zusammen in der webbasierten Cloud.

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Prestige kostet

Eine Glosse zum Zustand der hamburgischen Elbphilharmonie.

Schon zum wiederholten Mal steigen die Kosten für den Bau der Elbphilharmonie. Über der berühmtesten und prestige-lastigsten Baustelle der Stadt schweben Geister des Streits. Der Twist zwischen Hochtief AG und der Stadt wird lauthals öffentlich ausgetragen. Egal auf welche Milliarden-Summe der Bau der Philharmonie hinausläuft- er wird auch und vor allem durch Steuergelder finanziert. Höchste Zeit, dass die Bevölkerung auf die Barrikaden geht? Nicht ganz.
Die Bürger der Stadt Hamburg sind Norddeutsche. Und Norddeutsche regen sich nicht auf. Jedenfalls nicht laut.
Laut Bürgerschaft belaufen sich die Kosten für das Konzerthaus samt Wohnungen samt Einkaufszentrum auf etwa 350 Millionen Euro. Der Eröffnungstermin muss alle paar Monate korrigiert werden. Bisheriger Verlauf: von 2009 bis 2015 war alles dabei.
Zurzeit müssen Fehlplanungen in der Statik ausgebessert werden. Der Kaispeicher auf dem ein Glaskomplex aufgebaut ist, soll dem Gewicht einiger Airbus 380 stand halten. Außerdem müssen laut Medienberichten nachträglich Gerüste für die Fensterputzer von mehr als 150 Fenstern angebracht werden, die wurden bei der Planung aus Kostengründen –sagen wir- vergessen.
Während die Elbphilharmonie weiter entsteht und ihre Macher das Image als zukünftiges Wahrzeichen der Stadt krampfhaft aufrecht erhalten müssen, finden die Elbphilharmoniekonzerte bereits statt. Aber nicht zwischen Mörtel und Beton, sondern an anderen Orten in der ganzen Stadt. Die Hamburger sind Elbphilharmonie. Koste es was es wolle.

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